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Der Garango-Verein beim Mannheimer „Burkina-Tag“ – Ein Vortrag und viele Eindrücke

Der Garango-Verein beim Mannheimer „Burkina-Tag“ – Ein Vortrag und viele Eindrücke

„Zukunft der Jugend / Berufliche Bildung im Rahmen der Städtepartnerschaft“ – Gaby Ensink hat für ihr Referat beim „Burkina-Tag“ in Mannheim einen betont nüchternen Titel gewählt. Nüchtern sind auch erstmal die Zahlen, mit denen die Vorsitzende einsteigt: 418 Mitglieder hat unser Verein aktuell, betreut 1500 Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre im Rahmen des Patenschaftsprogramms. Nüchterne Zahlen, aber auch beeindruckende.

Vor ihr sprach eine pensionierte burkinische Lehrerin, Bernadette Kabre, über „Frauen in Burkina Faso – Perspektive aus der Praxis“, ein Referat, das sich auf die Aussage zuspitzen lässt: Heute geht es den Frauen besser als früher. Sie haben Zugang zu Bildung, können eigene Entscheidungen treffen und sich beruflich entwickeln.

Im Publikum – Mitgliedern von Partnerschaftsvereinen aus der Region und Wetzlar – gab es dafür keine ungeteilte Zustimmung. Sie könne höchstens von den Zuständen in den Städten sprechen, gab eine Frau zu bedenken und sagte: „Auf dem Land sieht es ganz anders aus.“ Ein Zuhörer merkte an, dass das Problem der Genitalverstümmelung mit keinem Wort erwähnt wurde. Einwände, die man im „Garango-Verein“ ebenfalls hatte.

Aber auch wir, das zeigt sich bei den Wortmeldungen nach Gaby Ensinks Vortrag, nehmen Kritik und Anregungen mit. Doch zunächst lassen die Zuhörer die Eindrücke auf sich wirken: Es gibt Bilder vom sanierten Staudamm und dem neu gebauten Tosbecken sowie Aufnahmen von den Besuchen, die unsere Delegation 2018 in Schulen und Kindertagesstätten machte. Schulküchen werden gebaut mit Tiefbrunnen für Trinkwasser: Wenn man das Umland bewässert, ergibt sich für Eltern die Möglichkeit eines (Neben-)Verdiensts mit Landwirtschaft.

Für Kinder und Lehrer gibt es Schulgartenprojekte: Hühnerzucht, Gemüseanbau, Kochen in der Schulküche. „Mal funktioniert es, mal nicht“, sagt Gaby Ensink. Der Grund ist einfach: Wenn die Lehrer mitmachen, dann werden schöne Beete angelegt, versorgt, und es kann geerntet werden. Wo die Pädagogen kein Engagement zeigten, wurde das Saatgut aufgegessen, und um die Weihnachtszeit kam es zu einem nie ganz geklärten „Hühnersterben“.

Es ist das erste Beispiel aus einer ganzen Reihe anderer, die sich auf den Punkt bringen lassen mit der Schlussfolgerung: Wenn man vertrauenswürdige Partner vor Ort hat und eine schlüssige Konzeption, dann kann ein Projekt glücken. Wenn nicht, kann es scheitern.

Beispiel für einen Erfolg ist die Hauswirtschaftsschule mit Maßschneiderei: Auf dem Foto sind Sarah (viele kennen sie noch als Aisha) und Schwester Pascaline zu sehen, die im September in Ladenburg waren. Als Verantwortliche haben sie eine hervorragend funktionierende Schule auf die Beine gestellt.

Auf der anderen Seite zwei Handwerkerschulen, für die der Verein die Förderung eingestellt hat: In der einen sieht man modrige Deckenpaneele, lose Drähte in der Wand, leere Schränke, Baumaterial, das seit dem vorletzten Besuch unverändert gelagert war. Materialien und Stipendien wurden bezahlt, aber der Unterricht findet, wenn überhaupt, nur unregelmäßig statt. Ebenso bei einem Projekt, das mittlerweile nur noch von Garangos französischem Partner, Laval, unterstützt wird. „2016 sah das noch ganz gut aus“, sagt Gaby Ensink. Mittlerweile nicht mehr: Es gibt noch immer kein fließendes Wasser, keinen Strom, teure Klimageräte verschwanden, und für die Friseurlehrlinge wurden Materialien für Dauerwellen angeschafft. „Dauerwellen“, fragt Gaby Ensink ironisch, „wer um alles in der Welt braucht denn Dauerwellen in Afrika?“

Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, denn zum Schluss stellt Gaby Ensink noch die Frauenprojekte vor, darunter die Produktion von Babynahrung aus Erdnüssen, die sich mittlerweile zu einem Renner entwickelt hat: Eine Packung Pulvernahrung ergibt vier Mahlzeiten zum Preis von umgerechnet 30 Cent. Der Betrieb floriert, mittlerweile werden neue Frauen eingestellt.

Dann gibt es noch die Berufsförderung: 600 Frauen können damit eine eigene Existenz aufbauen, sie bekommen Startkapital, Saatgut, Stoffe, Aus- und Weiterbildungen, wenn nötig, auch Alphabetisierungskurse. Das Ganze ist auf drei bis vier Jahre angelegt und soll im kommenden Jahr starten. „Meine Visionen“, sagt Gaby Ensink zum Schluss, „sind eine Landwirtschaftsschule und eine Krankenpflegeschule.“

Dann kommen die Fragen: Eine betrifft die Erdnuss-Nahrung. Ein Mann berichtet von der großen Gefahr, die von Aflatoxinen ausgeht. Bei falscher Lagerung oder auch schon im Erdreich könnten sich Schimmelpilze bilden, die die hoch giftige Substanz produzieren. Gaby versichert, dass es Trockenmaschinen und Sterilisationskammern gibt, dass ein hoher Standard eingehalten wird. Doch der Mann betont, dass auch das unter Umständen nicht helfen kann – wir werden, das sagt Gaby Ensink zu, dieser Sache auf jeden Fall nachgehen.

Andere Fragen betreffen das Scheitern von Projekten: Woran liegt es? Aus dem Publikum kommen Erklärungsversuche, auch Gaby Ensink und Ingo Kuntermann äußern sich dazu. Über vieles herrscht Einigkeit: Dass das Bildungssystem mit seinen ständigen Lehrer- und Schulleiterwechseln nicht gut ist für eine Kontinuität oder ein hohes, dauerhaftes Engagement – es sind Fehler im System, auf die wir keinen Einfluss haben.

Ein Mann scheint seine Probleme mit Gaby Ensinks Resümees zu haben, er findet, dass man doch mehr Rücksichten auf „kulturelle Besonderheiten“ nehmen solle. Und überhaupt: Was nützt denn eine Alphabetisierung in einem Land, wo es keine Zeitungen gibt und wenig zu lesen? Auch darauf gibt es eine klare Antwort: „Um ein Konto führen zu können, muss ich lesen und schreiben können.“ Und: Wir begegnen den Menschen immer auf Augenhöhe. Dazu gehört, dass man sich auch mal klipp und klar eingestehen kann, wenn etwas nicht so läuft wie geplant.“

Zumal der allergrößte Teil der Projekte erfolgreich ist. „Burkina“, sagt Gaby Ensink, „befindet sich im Aufbruch. Wir sind Partner. Jeder leistet etwas in dieser Partnerschaft.“

Zum Schluss noch ein Wort zur Veranstaltung: Es war ein ganzer Tag im Mannheimer Luisenpark geplant, mit Grußworten am Vormittag, Musik am Abend, Vorträgen am Nachmittag und einem geselligen Mittagessen. Leider, leider, fehlte der Veranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes die Außenwirkung. Wir tagten im „Baumhain-Saal“, in den sich so gut wie kein Außenstehender verirrte. Der Versuch, die Leute mit einem „Aufsteller“ nach drinnen zu locken, scheiterte, weil der Wind das Gestell umwehte. So saßen wir im Saal, und draußen zog das Publikum vorbei, das wir gerne hinein und an die vielen, schönen Stände gelockt hätten. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Stühle auf dem Vorplatz aufzubauen, zumal an diesem Tag viele Stände von Aktionsgruppen drum herum platziert waren.

Dass nicht jeder angekündigte Redner erschien, um ein Grußwort zu sprechen – geschenkt. Dass es technische Probleme vor dem Essen gab – kommt vor. Doch immerhin, der angekündigte Part „Begegnungen“ hielt, was er versprach. Wir kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, mit befreundeten Vereinen und mit Burkinabé. Eine Unterhaltung bewegte uns noch lange: Ein junger Mann, der als Flüchtling in Chemnitz lebt, kam eigens für den „Burkina-Tag“ nach Mannheim. Im „Osten“ geht es ihm nicht gut. Er wird auf der Straße beleidigt und angepöbelt, Rechte fragen seine (einheimische) Freundin, was sie mit einem Afrikaner will, und wenn er vorbei geht, imitieren sie Affen. Ein fleißiger, zielstrebiger junger Mann, der hier eine Lehre machen will und von wildfremden Menschen so schlecht behandelt wird, dass es wirklich weh tut. Nur eine Randnotiz – aber eine, die zeigt, was in unserem Land alles schief läuft…

Stephanie Kuntermann.

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